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Lernen im freien Fall: Neue soziale Ungleichheiten in der Schule

2025/06/16 by David Furtschegger · 1 voice
Psychology · Social Sciences · #Education Methods and Technologies #Psychology, Coaching, and Therapy #Sociology and Education Studies

paper · pdf · doi:10.1007/s11614-025-00609-2

openalex publication_date 2025/06/16 · openalex created_date 2025/10/10 · openalex updated_date 2026/07/23

Abstract

Zusammenfassung In der Frage nach geeigneten Lern- und Lehrkonzepten, um gegenwärtigen gesellschaftlichen Transformationsprozessen und Krisen begegnen zu können, stehen zumeist Diskurse um individualisierte Unterrichtsformate im Zentrum. Am Beispiel einer diskursethnographischen Untersuchung der Neuen Mittelschule (NMS) in Österreich argumentiert der Beitrag, dass dieser Umstand einer verkürzten pädagogischen Sichtweise auf gesellschaftliche Problematiken anheimfällt und soziale Ungleichheitsrisiken eher verstärkt als zu reduzieren weiß. Dieser Befund bezieht sich erstens darauf, dass über das selbstständige Arbeiten an individuellen Lernständen zwar Bildungsbenachteiligungen abgebaut werden sollen, gleichzeitig aber Risiken der Überforderung ausgeklammert werden. Mithilfe einer gouvernementalitätstheoretischen Perspektive kann gezeigt werden, wie im Wandel von der Ressourcen- zur Verantwortungsverteilung die geforderte Selbstregulationskompetenz als universal gegebene Ressource adressiert wird und dadurch nicht als ungleich verteilte und bildungsbürgerlich forcierte Fähigkeitserwartung problematisiert werden kann. In der pädagogischen Praxis führt diese diskursive Positionierung zu neuen Selektionsrisiken. In den beobachteten Schulen wurden viele Schüler:innen der neuen Selbstständigkeitsnorm nicht gerecht, während Lehrpersonen den auftretenden Unterstützungsbedarf nicht mehr decken konnten. Eine zweite zu problematisierende Dimension bezieht sich auf den Umstand, dass durch den Reformdiskurs jene Unterrichtssituationen verdrängt werden, in denen eine Aushandlung von Wissens‑, Werte- und Gerechtigkeitsfragen unter der Leitung einer fach- und sozialkompetenten Lehrperson erfolgt. Mit Blick auf lebenswelttheoretische Zugänge zeigen die Beobachtungsausschnitte, welche Bedeutung die synchrone sprachliche Bezugnahme der Lehrkraft für sinnstiftende Lernprozesse und die Koordinierung unterschiedlicher Perspektiven im Sinne einer diskursiven Verhandlung sozialer Ungleichheiten darstellen kann. Vor diesem Hintergrund stellt die Arbeit neue Erkenntnisse bereit, um die gesellschaftlichen Problemdimensionen und Potenziale von zentrierten und dezentrierten Lernformaten miteinander ins Gespräch zu bringen.

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