2024/12/30 by Horn, Karsten, von Brackel, Wolfgang, Ewald, Jörg +11
#FOS: Biological sciences #conservation management #eutrophication #historical land use #pine forest #plant community #syntaxonomy
paper · doi:10.14471/2024.44.013
Zu den am stärksten gefährdeten und in Deutschland kurz vor dem Aussterben stehenden Pflan- zengesellschaften zählt der Flechten-Kiefernwald (Cladino-Pinetum sylvestris, Syn. Cladonio-Pinetum sylvestris). Aus diesem Grund wurde er von der Floristisch-soziologischen Arbeitsgemeinschaft als „Pflanzengesellschaft des Jahres 2025“ ausgewählt. Flechten-Kiefernwälder sind wenig produktive, lichte und unterwuchsarme Nadelwald-Ökosysteme vorwiegend der planaren und kollinen Stufe. Prägende Standortfaktoren sind extrem nährstoffarme und saure, meist auch sehr trockene Böden mit gering entwickelter Humusauflage. Flechten-Kiefernwälder kommen auf Sandern, Moränen, Dünen und Talsanden und im Bergland punktuell auf Felsen aus Granit, Quarzit oder Sandstein vor. In Deutschland sind Bestände dieses Waldtyps aktuell nur noch kleinflächig und überwiegend in subkontinental geprägten Regionen vorhanden. Die Hauptvorkommen liegen im nordostdeutschen Binnenland von der niedersächsischen Elbtalniederung an ostwärts (Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg) sowie in Mittelfranken und der Oberpfalz (Bayern). Neben sehr offenen Beständen mit Arten der Silbergras-Rasen gibt es Flechten-Kiefernwälder fast ohne Gefäßpflanzen sowie solche mit Vaccinium-Arten, die zu den weiter verbreiteten Beerstrauch-Kiefernwäldern und -forsten überleiten. Flechten-Kiefernwälder repräsentieren in Mitteleuropa einen Biodiversitätshotspot für bodenbewohnende Strauchflechten, insbesondere Rentierflechten und andere Vertreter der Gattung Cladonia. Außerdem beherbergen sie eine Vielzahl von anderen Flechten, Moosen und Großpilzen und sind auch für den zoologischen Artenschutz von Bedeutung. Sie stellen einen FFH-Lebensraumtyp gemäß Anhang I der FFH-Richtlinie der EU (Code 91T0) dar. Flechten-Kiefernwälder stehen am Anfang einer natürlichen Waldentwicklung auf Rohböden über Sand oder Quarzgestein und wurden in der Neuzeit durch Streuentnahme und Plaggenhieb, teilweise auch Waldweide, auf entsprechenden Standorten stark gefördert. Ihre größte Ausdehnung hatten sie vermutlich im 19. und frühen 20. Jahr- hundert. Nach Aufgabe dieser Nutzungsformen sind sie gegenwärtig vor allem durch Eutrophierung infolge von Stickstoffeinträgen stark gefährdet. Durch das erhöhte Nährstoffangebot breiten sich konkurrenzkräftige Laubmoose, teils auch Zwergsträucher und die Draht-Schmiele aus, die die typi- schen Flechten und niedrigwüchsigen Moose verdrängen. Allein seit den 1990er Jahren sind in Deutschland ca. 90 % der Bestände verloren gegangen. Weitere Gefährdungsursachen sind Flächenver- brauch durch Sand- und Gesteinsabbau oder Bebauung, aktiver Waldumbau, fehlende Morphodynamik und in den letzten Jahren auch Hitze- und Dürreperioden. Die gegenwärtig noch vorhandenen, teilweise kurz vor der Extinktion stehenden Restbestände müssen nicht nur vor direkter Zerstörung geschützt, sondern – ähnlich wie bei vielen Offenlandhabitaten – durch aktive Schutzmaßnahmen erhalten werden. In degenerierten Beständen muss zunächst eine Entfernung der Streu- und Humusauflage und anschließend eine Beimpfung der Rohböden mit Flechten-Bruchstücken erfolgen. Erste Ergebnisse aus solchen Renaturierungsprojekten aus der niedersächsischen Elbtalaue und aus Mittelfranken werden hier präsentiert. Wir möchten lokale und regionale Akteure im Naturschutz ermuntern, entsprechend aktiv zu werden. In Sandgruben und Steinbrüchen können bei einem Verzicht auf Rekultivierungen Flechten-Kiefernwälder auch neu entstehen.