2025/12/27 by Becker, Thomas, Bergmeier, Erwin, Boch, Steffen +19
#EU habitat type 6240 #FOS: Biological sciences #Festucion valesiacae #Plant Community of the Year #Stipa grassland #dry grassland #review #steppe
paper · doi:10.14471/10.14471/2025.45.016
Die Federgras-Steppe (Festucion valesiacae) wurde von der Floristisch-soziologischen Arbeits- gemeinschaft zur Pflanzengesellschaft des Jahres 2026 gewählt. Es handelt sich um einen in Mittel- europa seltenen und gefährdeten Trockenrasentyp, der von Pflanzenarten mit subkontinentaler bis kontinentaler Verbreitung geprägt ist. In Deutschland ist die Federgras-Steppe auf Trocken- und Wär- megebiete beschränkt, wo sie auf nährstoffarmen Böden meist in südlicher Exposition wächst. Die größten Vorkommen befinden sich im Mitteldeutschen Trockengebiet in Sachsen-Anhalt und Thürin- gen, gefolgt von den Trockengebieten Ostbrandenburgs und des nördlichen Oberrheingrabens in Hes- sen und Rheinland-Pfalz. Kleinere Vorkommen gibt es in Mainfranken in Bayern. Die Federgras- Steppe repräsentiert in Mitteleuropa Reste der spätpleistozänen bis frühholozänen Steppe, welche die holozäne Wiederbewaldung an edaphischen und mikroklimatischen Sonderstandorten mit Unterstüt- zung großer pflanzenfressender Säugetiere überdauert hat. Ab dem Neolithikum hat dann der Mensch mit seinen Weidetieren maßgeblich zur Erhaltung und erneuten Ausbreitung der Federgras-Steppe beigetragen. Mit etwa 400 Gefäßpflanzenarten, die regelmäßig in den Beständen vorkommen, und mit teilweise über 40 Arten pro 10–20 m² großer Aufnahmefläche ist die Federgras-Steppe sehr artenreich. Charakteristisch sind insbesondere das Haar-Pfriemengras (Stipa capillata), das Echte Federgras (S. pennata) und der Walliser Schwingel (Festuca valesiaca) sowie zahlreiche Kräuter und Stauden. Viele dieser Arten haben ihren Verbreitungsschwerpunkt in den Steppen Osteuropas. Einige Arten, wie der Stängellose Tragant (Astragalus exscapus), sind auf die mitteleuropäischen Steppen beschränkt und zählen in Deutschland zu den sogenannten Verantwortungsarten. Die Federgras-Steppe ist ein Hotspot seltener und gefährdeter Arten. Von den 58 Gefäßpflanzen-Kennarten der Gesellschaft in Deutschland sind 89 % selten, sehr selten oder extrem selten und 81 % gefährdet, stark gefährdet oder vom Aus- sterben bedroht. Die Federgras-Steppe ist auch für Moose, Flechten und Pilze sowie für Tiere, insbesondere Insekten, ein wichtiger Lebensraum. Mindestens 20 phytoparasitische Brand- und Rost- pilze sind ausschließlich an die Gefäßpflanzen-Kennarten der Federgras-Steppe gebunden und somit selbst charakteristisch für diese. Mit der Einführung der industriellen Landwirtschaft ging die Federgras-Steppe stark zurück. Obwohl sie sowohl nach dem Bundesnaturschutzgesetz als auch nach der FFH-Richtlinie (Lebensraumtyp 6240, Subpannonische Steppen-Trockenrasen) unter besonderem Schutz steht und sich viele Bestände in Schutzgebieten befinden, bewirken insbesondere eine un- zureichende und teilweise nicht mehr sachgemäße Pflege, atmosphärische Stickstoffeinträge sowie Düngereinträge aus angrenzenden intensiv genutzten Agrarflächen weiterhin eine rapide Verschlech- terung ihres Zustands. All diese Faktoren begünstigen auch die Aufrechte Trespe (Bromus erectus), die zurzeit die Federgras-Steppe Mitteldeutschlands invadiert. Da diese Art im Mitteldeutschen Trocken- gebiet früher nicht vorkam, ist sie hier ein Neophyt. Ein weiteres Problem ist die Fragmentierung der Federgras-Steppe, die zu genetischer Erosion in kleinen Populationen der Kennarten führt. Um die Sukzession aufzuhalten und um B. erectus zurückzudrängen, ist eine intensivere Pflege erforderlich. Dazu sollten Programme zur extensiven Beweidung stärker gefördert werden. Zudem muss die Pflege an die durch Klimawandel und Stickstoffeinträge veränderten Bedingungen angepasst werden. Die seltensten und am stärksten gefährdeten Arten erfordern ein spezielles Lebensraum- und Populations- management.