2023/04/28 by März, Magdalena
#FOS: Arts (arts #FOS: Humanities #history of arts #music) #performing arts
paper · doi:10.25536/20230604
Die Analysen der Terrakotta-Elemente aus dem 1528/29 begonnenen Ausstattungsprogramm von Schloss Neuburg am Inn geben Aufschluss zum Transfer von Materialwissen anhand eines Werkstoffs, hier Terrakotta in der Bauplastik, und dessen Verlauf von Italien nach Bayern und entlang der Donau. Der Beitrag untersucht ausgehend von selbst erstellten 3D-Digitalisaten mehrerer Terrakotta-Elemente und Räumlichkeiten die Bedeutung des Neuburger Ausbauprojekts. Dabei ist die Terrakotta-Bauzier nicht nur in Art und Umfang außergewöhnlich, sondern auch in der Kombination mit Stuck und Marmor, die ebenfalls auf innovative Weise eingesetzt wurden, so dass das umfassende Programm zur Avantgarde der sog. ‚Renaissance nördlich der Alpen‘ zählt. Dies unterstreicht u. a. die Vergleichbarkeit mit Bauprojekten führender Adelsdynastien, darunter Habsburg, Valois und Tudor, von überregionaler Wirkmacht. Zugleich rückt dadurch, neben den in praktischer Hinsicht vorteilhaften spezifischen Materialeigenschaften, die inhaltliche, materialikonische Komponente von Terrakotta in den Fokus. Den Schlüssel liefert Kontextualisierung zeitgenössischer machtpolitischer sowie ideengeschichtlicher Entwicklungen. Für das Neuburger Projekt ergeben sich so durch die Inbezugsetzung mit Gedankenkonzepten humanistischer Prägung zwei neue Interpretationsansätze: zum einen vermag der gezielte Materialeinsatz in Zusammenhang mit einer Rezeption vitruvianischer Architekturtheorie und den drei darin konstitutiven Eigenschaften von firmitas, utilitas und venustas (Haltbarkeit, Zweckmäßigkeit und Schönheit) gesehen werden. Zum anderen entspricht die Umsetzung des Projekts insgesamt - durch Zusammenführung mit fremden Vorbildern wird Bestehendes zu Neuem, welches das Vorhergehende jeweils übertrifft - geradezu musterhaft dem Dreischritt von imitatio-aemulatio-superratio nach Lorenzo Valla.