2026/01/14 by Claus-Michael Ort · 1 voice
Arts and Humanities · Social Sciences · #German Literature and Culture Studies #Arts, Culture, and Music Studies #Historical, Literary, and Cultural Studies
paper · doi:10.16995/olh.23765
openalex publication_date 2026/01/14 · openalex created_date 2026/01/15 · openalex updated_date 2026/05/21
Der Beitrag untersucht Figurentheater als Sujet deutschsprachiger erzählender Literatur vom späten 18. bis zum 21. Jahrhundert. Dabei verfolgt er zwei Ziele. Erstens wird an einer Reihe von Beispielen gezeigt, wie literarische backstage-Narrationen des Figurentheaters Puppentheater und Puppenspiel als Kunstform thematisieren, dabei die Produktion, Rezeption und Wirkung von Figurentheater reflektieren und daraus poetologischen Mehrwert gewinnen. Innerhalb der referierten literarischen Texte kann das Strukturmerkmal ‚Figurentheater‘ eher fremdreferentielle (Figurentheater dient als allegorisches Vehikel für theaterfremde Themen) oder eher selbstreferentielle Funktionen erfüllen (Figurentheater wird als Figurentheater reflektiert). Insgesamt zeigt sich, dass das Puppenspiel dem Schreiben und der Literatur ähnelt: Schreibende sind wie Puppenspieler, da sie beide durch ihre Handbewegungen Zeichen erzeugen und dies gleichzeitig beobachten können; Selbstbeobachtung wird als Fremdbeobachtung vollziehbar. Zweitens verdichtet der dritte Teil den in diesem Beitrag erstmalig gebotenen Überblick über deutschsprachiges erzähltes Figurentheater anhand der Figur des Kasperle. An den Kasperle-Rezeptionen von Theodor Storm (Pole Poppenspäler) und Thomas Hettche (Herzfaden) kann gezeigt werden, wie die poetologischen Reflexionen im Falle des Kasperle zu einer Schädigung der Figur (Storm) bzw. ihrer Verbannung aus dem Figureninventar eines künstlerisch ambitionierten Puppentheaters (Hettche) führen. Während der Verlust des Kasperle bei Storm noch sentimental verklärt wird, wird die Figur bei Hettche in einem zeitgeschichtlich motivierten und unversöhnlichen, selbsttherapeutischen Akt des erzählerischen Exorzismus getilgt, den der Roman selbst zu wenig reflektiert.