2019/01/09 by Krämer, Sybille, Wöpking, Jan
paper · doi:10.17171/5-1-15
<i>a) Gegenstände und Ziele. </i>Diese Forschergruppe untersucht Geschichte und Theorie des Denkens mit Hilfe von Diagrammen. Diagramme werden als kognitive Instrumente begriffen, die in paradigmatischer Weise Raumrelationen zur Darstellung, Analyse und Produktion von Wissen nutzen. Wir verwenden den Begriff “Diagramm” in einem engen und einem erweiterten Sinne: Diagramme im engeren Sinne sind schematische Figuren wie etwa geometrische Konstruktionen oder chemische Strukturformeln, im erweiterten Sinne weisen aber auch Schriften, Tabellen, mathematische Formeln, kurz: alle Arten von Inskriptionen auf einer begrenzten Fläche, diagrammatische Dimensionen auf. Die leitenden Annahmen unserer Forschung sind: (1) Diagramme stellen mittels räumlicher Logiken und topologischer Ordnungen bevorzugt <i>nicht-räumliche</i>, theoretische Zusammenhänge dar. (2) Sie zeigen dabei nicht einfach “Gegenstände”, sondern <i>Relationen </i>innerhalb von Begriffs- und Wissensfeldern. (3) Dadurch eröffnen sie nicht nur einen Darstellungsraum, sondern auch einen Raum des <i>Experimentierens</i>, <i>Explorierens </i>und <i>Operierens </i>mit oftmals abstrakten, unsinnlichen, ideellen Sachverhalten. Diagramme machen Theorien sinnlich erfahrbar. (4) Insgesamt ist die Fähigkeit zum Graphismus eine dem Sprachvermögen durchaus zur Seite zu stellende universelle anthropologische Auszeichnung. Vor diesem Horizont verfolgt unser epistemologisch-philosophisch orientiertes Forschungsprojekt zwei Fragen. Erstens: Grundlinien einer allgemeinen Theorie der Diagrammatik und – ausgehend von einem “kartographischen Impuls” der in Platons Liniengleichnis und in Ptolemaios’ “Handbuch der Geographie” verkörpert ist – eine “Epistemologie der Linie” als philosophische Rekonstruktion der impliziten und expliziten diagrammatischen Dimensionen in philosophischen Texten. Zweitens: Diagramme als kognitive Artefakte in historischer und systematischer Perspektive. <i>b) Methoden. </i>Philosophische Analyse von Texten, Fallstudien zu einzelnen Denkern und Diagrammtypen. <i>c) Diskussionsstand in der Forschergruppe. </i>Grundbegriffe der Diagrammatik wurden erarbeitet, zentrale Episoden abendländischer Theorie des Diagramms identifiziert und analysiert, zentrale Elemente einer allgemeinen Theorie diagrammatischer Kognition entwickelt. Für die Zukunft steht einerseits die vertiefte Arbeit an historischen Fallstudien, andererseits die Integration der bisherigen Bausteine zu einer konsistenten, übergreifenden Theorie an.