1995/01/01 by Karl Reichl · 1 citation
Social Sciences · Arts and Humanities · #Media, Communication, and Education #Medieval Literature and History
paper · doi:10.1007/978-3-322-84033-2_12
openalex publication_date 1995/01/01 · openalex created_date 2025/10/10 · openalex updated_date 2026/08/04
„Lēo∂ wæs āsungen, glēomannes gyd.“ „Das Lied ward gesungen, das Heldenlied des Sängers.“ Dies ist eine Zeile aus dem altenglischen Epos Beowulf, einem Heldenepos, das in einer Hs. aus der Zeit um 1000 überliefert ist und in der uns erhaltenen Gestalt wahrscheinlich im 8. Jh. entstanden ist.1 Der Kontext für diese Zeile ist folgender: Beowulf hat Grendel, ein Unwesen halb Mensch, halb Tier, das seit Jahren die Halle des Dänenkönigs Hrothgar verwüstet, in der Nacht besiegt, und die Dänen feiern am folgenden Abend den Sieg des Helden. Ein Sänger (scop) singt während des Festgelages ein narratives Lied, das sog. Finnsburh-Lied.2 Am Ende seines Vortrags konstatiert der Erzähler: „Das Lied ward gesungen, das Heldenlied des Sängers.“ Das Lied ist in der Tat zu Ende gesungen (āsungen), verhallt und verklungen. Durch einen glücklichen Zufall ist uns eine zweite Version des Finnsburh-Lieds erhalten geblieben, so daß wir uns zumindest eine Vorstellung von seinem Inhalt machen können. Was uns aber ein für allemal verloren gegangen ist, ist der lebendige Vortrag: die Melodie des Liedes, die musikalische Begleitung, die Gestik und Mimik des Sängers, die Interaktion zwischen Sänger und Publikum, das Drama und Ritual des mündlichen poetischen Ereignisses.3