2012/04/01 by Kim Christian Priemel
Social Sciences · #European history and politics #Communism, Protests, Social Movements
paper · doi:10.1524/hzhz.2012.0015
Die Nürnberger Prozesse sind oft geschildert, weit weniger häufig jedoch analysiert worden. Dies gilt insbesondere für die zwölf in amerikanischer Verantwortung gehaltenen „Nachfolgeprozesse“. Ihr Versuch, die juristische Sanktion der nationalsozialistischen Verbrechen mit einer historischen Untersuchung des NS-Staates zu verbinden, stellte ein ambitioniertes, wiewohl riskantes Unterfangen dar. Der Krupp-Prozess 1947/48 bildete den entstehungsgeschichtlichen Nukleus der Verfahren und zog zugleich die längsten Linien. Sein historischer Horizont wurde von der Anklagebehörde bewusst geweitet, um die jüngere deutsche Geschichte nahezu vollständig zu erfassen, und dem Essener Konzern als bekanntestem Vertreter der Schwerindustrie kam dabei ausdrücklich stellvertretende Bedeutung zu. Die Ankläger bedienten sich einer spezifischen unternehmensgeschichtlichen Lesart, die ihrerseits sozialimperialistische Interpretationen verarbeitete, die über exilierte Wissenschaftler Eingang in das amerikanische Verständnis von Politik und Privatwirtschaft in Kaiserreich und Weimar gefunden hatten. Diesen hielten Verteidigung und Angeklagte eigene, diametral entgegenstehende und mit der defensiven Situation allein nicht zu erklärende Narrative entgegen. Vielmehr geriet Nürnberg zum Austragungsort des Konflikts zweier genuin historiographischer Debatten, deren eine sich um die Definitionshoheit über die Firmengeschichte entspann, die andere kontroverse Lesarten des deutschen Imperialismus und totalitärer Herrschaft aufeinanderprallen sah. Dabei adaptierten die Prozessparteien bestehende Interpretationsangebote, katalysierten diese durch die konfrontative Dynamik des Rechtsstreits und nahmen die Positionen der bald folgenden Sonderwegs-Debatte vorweg.