2024/08/15 by Hengel, Philipp, Köppen, Julia, Achstetter, Katharina +3
#600 Technik #Gesundheitssystem #Leistungsmessung #Medizin #Patientenzentrierung #Qualität #Sicherheit #angewandte Wissenschaften::610 Medizin und Gesundheit::610 Medizin und Gesundheit #gesetzliche Krankenversicherung
paper · doi:10.14279/depositonce-21165
Hintergrund: Mit dem World Health Report 2000 wurde die systematische Bewertung der Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen als Instrument für die Evaluierung und evidenzinformierte Steuerung von Gesundheitssystemen etabliert. Bislang fehlt dabei jedoch eine systematische Berücksichtigung der Bevölkerungsperspektive, obwohl deren Erfahrungen und Erwartungen das Bild des Gesundheitssystems wesentlich erweitern und die patient*innenzentrierte Versorgung stärken können. Daher verfolgt diese Studie das Ziel, eine Bewertung der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems aus der Bevölkerungsperspektive unter Berücksichtigung aller acht Gesundheitssystemziele des Health Systems Framework der WHO durchzuführen und Stärken sowie Verbesserungsbedarfe aus Sicht der Patient*innen zu identifizieren. Methode: Im Jahr 2018 wurden 32.000 Versicherte der AOK Nordost postalisch angeschrieben und zur Teilnahme an der Studie eingeladen. Der Fragebogen enthielt 43 Items zur Abbildung der acht Ziele des Health Systems Framework der WHO (z. B. Zugang, Qualität, Sicherheit) sowie weitere zur Soziodemografie und zu anderen Versicherteneigenschaften. Die Analyse erfolgte deskriptiv und nach Subgruppen (Alter, Geschlecht, Einkommen, chronische Erkrankungen, Gesundheitskompetenz). Ergebnisse: Die Stichprobe (n = 1.481; 4,6 % Rücklauf) war zu 54,8 % weiblich und hatte ein mittleres Alter von 59,1 Jahren (±18,5). Insgesamt bewerteten die Befragten das Gesundheitssystem an einigen Stellen als verbesserungsbedürftig. So nahmen 60,0 % große Qualitätsunterschiede zwischen den Krankenhäusern wahr. Zwischen 3,9 % und 8,5 % berichteten von Fehlern in der Behandlung oder der erhaltenen Medikation in den letzten zwei Jahren. Einen großen Reformbedarf sahen die Befragten vor allem bei der Höhe der privaten Gesundheitsausgaben (51,5 %) sowie bei der Koordination zwischen ambulant-ärztlichem Personal untereinander (44,2 %) und mit Krankenhäusern (41,9 %). Zudem zeigten sich oft große Unterschiede zwischen den Subgruppen, insbesondere beim Einkommen und bei der Gesundheitskompetenz. Von den Befragten mit geringem Einkommen gaben 37,2 % eine (sehr) starke finanzielle Belastung durch private Gesundheitsausgaben an (vs. 20,7 %). Personen mit einer eingeschränkten Gesundheitskompetenz (52,1 %) bewerteten den Zugang zur Versorgung schlechterund nahmen größere Qualitätsunterschiede und Reformbedarfe wahr; z. B. erlebten sie im vorangegangenen Jahr häufiger Diskriminierung bei der Versorgung (36,6 % vs. 19,9 %). Diskussion: Die Ergebnisse liefern ein umfangreiches Bild des deutschen Gesundheitssystems aus der Bevölkerungsperspektive. Teilweise konnten die bisherigen Erkenntnisse bestätigt werden, z. B. eine mangelnde Koordination in der Versorgung. Andere Ergebnisse erweitern das bisherige Wissen (z. B. der Einfluss von Gesundheitskompetenz auf die Bewertung der Versorgung) oder werfen neue Fragen auf (z. B. die subjektiv empfundene Belastung durch Gesundheitsausgaben im Gegensatz zu bisherigen objektiven Maßen). Die großen Subgruppenunterschiede zeigen einen Handlungsbedarf in der Politik und in der Versorgungspraxis für eine bessere Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse zur Erreichung einer besseren Gesundheit der gesamten Bevölkerung. Hier sollten vertiefende Einblicke durch weitere Studien gewonnen werden. Schlussfolgerung: Eine stärkere Einbeziehung der Bevölkerungsperspektive ermöglicht neue Erkenntnisse für die Bewertung der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems und hilft insbesondere bei der Identifizierung von Potenzialen für eine stärkere Patient*innenzentrierung in der Versorgung.